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Rekonstruktion eines Tagebuchs

Die folgenden Absätze sind ein Auszug aus dem Manuskript zum zweiten Band von „Erinnerungen an das 20. Jahrhundert“ . Die Fortsetzung soll 2024 – 40 Jahre nach einer Flucht erscheinen, die ein paar Monate dauerte.

VEB Chemische Werke Buna – © 1990 Thomas Jannot

Oktober 1977: Mit dem Fahrrad von Halle-Neustadt über Holleben am VEB Buna (siehe Video) vorbei nach Merseburg. Kathrin besuchen. Auf der Schnellstraße hinter Schkopau auf der gegenüberliegenden Seite einer großen Kreuzung zwei tote Kinder. Unter einem LKW ein zerstörtes Fahrrad. Ein Krankenwagen und Polizei. Mir rutscht das Herz in die Hose. Mit weichen Knien weiter.

Eine halbe Stunde später klingle ich in der Karl-Liebknecht-Straße 14 (die heute wieder Kleine Ritterstraße heißt). Kathrin macht auf. Schwarze Locken in einem schneeweißen Pullover. Mit einer Nudel im schönsten Gesicht der Welt. Sooo süß. Wir fallen uns in die Arme und knutschen. Ein irrer Duft nach zarter Creme.

Im August haben wir uns in einem Ferienlager auf Rügen kennengelernt. Mit einem Kniff in meinen Arsch hat sie mich ungeniert angemacht. So ein hübsches Ding. Liebe auf den ersten Blick. Muschelkette am Jasmunder Bodden. Romantik am Ostseestrand. Disco mit ABBA, Smokie und Boney M. Und immer wieder knutschen. Wirklich traumhaft. Besser gehts nicht. 

Wir gehen rein, wo sie mit ihrer Mam lebt, die auf Arbeit ist. Die Wohnung ein Loch. Dunkel, klein und kalt. Aber aufgeräumt, sauber und gemütlich. Irgendwas stimmt hier nicht. Es riecht anders als ein Altbau sonst müffelt. Ein paar Dinge, die nicht ganz passen. Exotischer Kleinkram. Schicke Klamotten. Verdächtig kurze Antworten auf manche Fragen.

Jahre später erfahre ich, dass ihre Schwester zur See fuhr und in diesem unseren Jahr in den Westen abgehauen ist.

Thomas Jannot in Berlin am Alex – 1982 von der Stasi observiert

Sommer 1982: Im Frühsommer hat mich die Vopo aufm Alex angezählt. Diesmal hat die Stasi mich in einen Überwachungswagen abgeführt, der zum Glück ohne mich weitergefahren ist. Sie wollen mich hier nie wieder sehen. Berlinverbot! Botschaft angekommen. Zwei Jahre später war ich im Westen.

Eine Stadt in unserer Zeit – © 1990 Thomas Jannot

Frühjahr 1983: Sie wissen, dass Sie nicht einsteigen dürfen? Der Fahrer siezte mich, was selten vorkam. Sie wissen, dass Sie nicht anhalten dürfen, konterte ich und stieg ein.

Irgendwo bei Berlin auf dem Weg von Halle (Saale) nach Greifswald. Der Westwagen sah aus wie ein Raumschiff. Das riesige Armaturenbrett mit unzähligen Anzeigen, Lämpchen und Reglern bestückt. Als ich die Tür zuzog, legte sich ein leichter Druck auf die Ohren. Beim Anfahren so gut wie keine Geräusche. Dann sanftes Dahingleiten bei leisester Musik. Ohne Kopf zwischen den Knien. Dafür reichlich Platz nach vorn.

Was würden Sie tun, wenn ich von der Stasi wäre, fragte der Fahrer. Dann wäre ich nicht eingestiegen, antwortete ich. Was hat mich verraten? Einfach alles. Außerdem ist es ein Unterschied, ob ich auf einer Raststätte Westautos anquatsche oder abseits der Autobahn im Dämmerlicht einen Daumen in den Wind halte. Das würde sogar die Stasi verstehen, wenn ich wieder aussteige.

Wollen Sie aussteigen? Noch nicht. Dafür bin ich schon zu lange unterwegs. Außerdem wird es dunkel. Und mir ist kalt. Wo wollen Sie hin? Nach Greifswald. Zu Fuß? Von Halle bis zur Raststätte Michendorf geht es per Anhalter meist recht schnell. Dann muss ich mich entscheiden, wo ich die Nacht verbringe, wenn ich keinen finde, der um Ost- oder West-Berlin herum fährt. Je kälter der Abend, desto eher laufe ich lieber bis zum nächsten Bahnhof und nehme die S-Bahn nach Oranienburg. Von dort geht es auf der F96 in zwei bis drei Etappen und meist zu Fuß durch Neubrandenburg oder Neustrelitz weiter.

Wieso die ganze Strecke nicht gleich mit dem Zug? Nur wenn es richtig kalt ist. Sonst trampe ich lieber. Das ist billiger. Und verschafft mir das Gefühl von mehr Freiheit. Was machen Sie in Greifswald? Eine Lehre. Keine Armee? Wenn, dann als Bausoldat. Oder als Verweigerer im Bau. Lieber zwei Jahre sitzen als 18 Monate auf der falschen Seite stehen, legte ich nach. Gespanntes Schweigen.

Schon mal daran gedacht, in den Westen abzuhauen? Ständig, seit ich zwölf bin. Wie wollen Sie das anstellen? Per Ausreiseantrag dauert ewig. Die grüne Grenze ist zu vage. Die Ostsee zu kalt. Und über die Mauer endet meist tödlich. Bleibt eigentlich nur die Hoffnung auf eine günstige Gelegenheit, fasste ich meine verworfenen Pläne zusammen.

Wenn Sie aus politischen Gründen im Gefängnis landen und die richtigen Leute im Westen davon erfahren, hätten Sie gute Chancen, früher oder später freigekauft zu werden, sagte der Fahrer ernsthaft und gelassen. Davon habe ich schon mal gehört. Aber niemand weiß was genaues. Und ich kenne keinen einzigen Fall, an dem ich mich orientieren könnte. Weil es keine Schule machen soll, beendete der Fahrer das Gespräch. Am Potsdamer Bahnhof stieg ich aus. 18 Monate später war ich im Westen.

Realer Sozialismus in Aschersleben – © 1990 Thomas Jannot

Herbst 1983: Letzter Besuch bei meinem Bruder, der in Aschersleben gestrandet ist. Mit der Absicht, ihn vielleicht um Rat zu fragen. Vorher muss ich herausfinden, auf welcher Seite er steht. Ein besonders kluger Kopf, der mir fast alles beigebracht hat. Extrem geschickt und sehr belesen. Doch seit er bei der Fahne war, sind wir uns fremd geworden. Nach einer brüderlichen Nacht in seiner Baracke, in der er sich wohnlich eingerichtet hat, haue ich wieder ab. Sein Leben würde meine Zukunft sein. Dann lieber Knast, als Nationale Volksarmee.

Hommage an Mütter – © 1990 Thomas Jannot

Dezember 1983: Endlich 18. Volljährig. Was ich nun machen will, fragte meine Mutter. In den Westen abhauen, antwortete ich. Sie schwieg, als hätte sie nichts anderes erwartet. Keine entsetzte Sprachlosigkeit wie sonst nach heftigen Worten. Einfach nur ein verdammt ruhiges Gespräch. Vielleicht unser letztes im ganzen Leben. Noch bevor ich bei der Fahne in Schwedt lande und Kommunisten mein Leben betonieren, werde ich es versuchen, legte ich nach. Sie blieb sehr gefasst. Kein Widerspruch. Kein „Spinnst Du“. Kein Nachbohren. Drei Wochen später kam der erste Brief aus der Untersuchungshaft.

Fortsetzung folgt.

Matomo