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What About ExBeerience? Bedingt ausbaufähig. Oder: Wie Bierverkostung am Bildschirm funktioniert ;-)

Wer fünf Tage die Woche die meiste Zeit vor drei bis fünf Bildschirmen hockt, und täglich viele Stunden mit einem schalldichten Kopfhörer auf den Ohren, der hat nach Feierabend wenig Lust auf eine zusätzliche Sitzung. Doch was, wenn die Gastgeber mit einem realen Kasten bester Biere und einem anerkannten Sommelier vor der Kamera locken? Darüber lässt sich „köstlich“ streiten.

So geschehen am Donnerstag, 6. Mai, ab 17 Uhr. Wenige Wochen zuvor hatten das Kolbermoorer Unternehmen Techdivision und seine Partner Adobe und Akeneo zur ExBeerience Live 2021 eingeladen. Kolbermoor? Das liegt zwischen Rosenheim und Bad Aibling in Sichtweite vom Wendelstein im schönsten Oberbayern. Nur eineinhalb, vielleicht zwei Stunden würde sie dauern. „Schaun mer moi, dann sehn mer scho“, dachte ich mir und sagte zu. Hätte ich geahnt, dass mich die Verkostung bis 23 Uhr an meinen Schreibtisch fesseln würde, hätte ich wahrscheinlich dankend abgelehnt.

Nur diese eine kleine Flunkerei der Gastgeber war wirklich alles, was ich dem Event wenn überhaupt „vorwerfen“ und – wäre dies ein ordentlicher Test mit allem Drum und Dran – vom Testergebnis abziehen könnte. Ansonsten lief alles rund:

Eine knappe Woche zuvor kam ein Paket. Darin acht verschiedene Flaschen voll Bier, ein für meinen Geschmack exotisches Bierglas und eine BBQUE-Tube „Biersoße“ (!). Die Versuchung war groß, das Bier am Wochenende zuvor zu öffnen. Tapfer stellte ich es ungeöffnet kühl und wartete geduldig ab. Außerdem orderte ich vorsorglich Sushi und ein paar Radieserl mit Schrebergartensalz für den Fall, dass der Abend länger dauert und ich nach 10 oder mehr Stunden am Schreibtisch aus dem Sattel kippe. Dass solche und ähnliche Gefahren wirklich ernst zu nehmen sind, habe ich zuletzt auf der #HM21 erlebt. Da plagte mich am dritten Tag stundenlangen Zuhörens unterm Headset pünktlich nach Feierabend ein nerviger Tinitus …

Mit wenigen Minuten Verspätung ging es endlich los. Die Begrüßung war kurz und knapp. Nach einer höflichen Vorstellung der Gastgeber und wie sie geschäftlich miteinander vernetzt sind, kam der Sommelier, Klaus Artmann, direkt zur Sache. Sein Vortrag war schlicht vom Feinsten. Keine genießerischen Sprüche, sondern handfeste Informationen zum Thema Bier und seine geschäftlichen (!) Implikationen. Wenn ich bis dato dachte, dass ich mich als bekennender Bier-Hedonist, der kein Gebräu aus der Flasche oder gar Büchse trinkt, einigermaßen auskenne, wurde ich völlig überraschend und buchstäblich ernüchternd eines Besseren belehrt. Über drei Stunden auf über 80 (!) Powerpoint-Folien verteilt dauerte der Workshop. Unterbrochen von einer Breakout-Session mit strukturierter Verkostung und gemeinschaftlicher Geschmacksfindung in kleinen Teams.

Nach gut einem Dutzend Team-orientierter Einlassungen, jedes Team bestand aus drei bis fünf Teilnehmern, lernten wir von Klaus, was Bier mit Konsumieren, Verkaufen und Digitalisieren zu tun hat. Fünf Bierproben später war der offizielle Teil „plötzlich“ zu Ende. Es ging auf 20:45 Uhr (!) zu. Die meisten Flaschen waren geöffnet, aber in meinem Fall nur angetrunken. Da ich „unter der Woche“ ohne triftigen Grund tatsächlich kein Bier oder mehr anrühre: Was tun? Wieder verschließen und einen polnischen Abgang wagen, wie ich es bei abendlichen Präsenzveranstaltungen zu tun pfleg(t)e? Oder wenigstens die geöffneten Flaschen leeren, zumal eine davon mit 0,5% nahezu alkoholfrei und eines der zwei stärkeren Biere „nur“ eine kleine 0,33-Liter-Flasche waren.

Da übernahmen die Willkommers die Regie: Zwei Brüder, Stefan und Josef, die vor 15 Jahren Techdivision in einer Container-ähnlichen Bude gegründet und es inzwischen auf mehrere Standorte in München, Hamburg, Leipzig und Wien gebracht haben. Wenn alles gut geht, werden sie in wenigen Tagen oder Wochen ihren prächtigen Neubau einen Block weiter vom aktuellen Standort auf der Spinnereiinsel in Kolbermoor beziehen. Wie es dazu kam und welche Hoffnungen und Sorgen sie in Corona-Zeiten trieben und treiben, war mehr als ein triftiger Grund zum Austrinken. Ab 22 Uhr wurden die Teilnehmer:innen – ja, Damen waren auch dabei (!) – langsam weniger. Gegen 23 Uhr verabschiedete ich mich höflich und schlich zwei Türen weiter direkt ins Bett.

Fazit: Bierverkostung am Bildschirm funktioniert. Vorausgesetzt sie wird so perfekt wie die ExBeerience Live 2021 organisiert und mit professioneller Anleitung umgesetzt. Vor allem, wenn man so „nüchtern“ wie der Sommelier Klaus Artmann denkwürdige Brücken vom vermeintlichen Männergesöff zum digitalen Business schlagen kann. Unterm Strich hätte ich nie gedacht, wie wenig ich tatsächlich über Bier trinken im Allgemeinen und Bier verkaufen im Besonderen weiß. Meine ganz persönliche Note: Nicht unbedingt „jederzeit“, aber sehr gerne wieder ;-)

Matomo