Gestatten – Raffi, der Ossi

Fortsetzung von Erinnerungen an einen Aussteiger

Er war ein stattlicher Kerl. Kein Adonis, sondern ein gestandnes Mannsbild mit dichtem Vollbart, Pullover und Nickelbrille. Ein kluger Kopf, der die Frauen liebte und kluge Frauen ihn. So wie er sahen viele stille Intellektuelle aus dem Osten aus, die ihre Herkunft nie verleugnen konnten oder wollten.

Er sprach bewusst thüringisch und ohne Hemmung – obwohl und gerade weil er perfekt hochdeutsch konnte. Je förmlicher die Gesellschaft, desto ungenierter parlierte er unüberhörbar Dialekt. Sein Markenzeichen: Im Beisein hoher Gäste mit Weingläsern und Bierflaschen an die Brille tippen und einen Trinkspruch klopfen.

Als wir uns 1992 kennen lernten, war er Redakteur bei der Computerzeitschrift Chip. Wir wollten ihn unbedingt bei der win haben. Er kam, stritt und schrieb. Ein Malocher, der Seiten schaffte, die gut zu lesen und praktischen Inhalts waren. Mit solchen Typen konnte man einzigartige Blätter machen. Mit Raffi waren Redaktionsschlüsse und Kamikazeaktionen kurz vor Drucklegung kein Problem. Deshalb schrieben wir nebenbei ein Buch (Windows 3.1 kurz und bündig).

Abends konnte er saufen wie ein Russe. Keine harten Sachen. Aber Bier und Wein bis zum Abwinken. Dann wurde er plötzlich still und unpassend böse. Nicht aggressiv, sondern giftig. Mit ätzenden Kommentaren, irritierend hintergründig und bedenklich gemein. Am nächsten Morgen keine Spur mehr von diesen Ausfallerscheinungen, die aus heutiger Sicht ernste Indizien für seine befristete Lebensplanung waren.

So vergingen die Jahre. Dann machte er sich selbstständig. Nicht – wie in unserer Branche üblich -, weil er seinen Job verlor, sondern weil er es so wollte. Sein exzellenter Ruf als überdurchschnittlich guter und besonders zuverlässiger Schreiber mit besten Kontakten sowie unzählige Kästen Bier mit Chefs, Kollegen und Autoren beschertem ihm lukrative Schreibaufträge. Er war einer der ersten, der ganze Sonderhefte in kürzester Zeit zum Festpreis füllen konnte.

Nebenbei zog er von Ort zu Ort. Ohne Auto und Führerschein. Dafür hatte er eine der ersten Kundenkarten der Deutschen Bahn. Was andere für eigene Fahrzeuge ausgaben, steckte er in Tickets und Taxis. Gegen Ende der 90er Jahre strandete er in Berlin. Mein Bruder und ich besuchten ihn auf unseren Moppeds. Wenn es uns beruflich und privat aus der Kurve tragen würde, hätten wir so leben wollen wir er: Ein gemietetes Häuschen mit Gärtchen in der Köpenicker Straße. Angenehm sauber und sehr geschmackvoll eingerichtet. Sein Büro war eine digitale Schaltzentrale mit neuestem Männerspielzeug vom Feinsten.

Dieser Mann hatte sich sein Glück verdient. Aufträge hatte er genug. Auch von mir. 1999 war es ein 124 Seiten umfassendes Sonderheft zum Thema ISDN. Es war das letzte, das er produzierte.

Fortsetzung folgt.

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