Unser Rambo war eine Blaustirnamazone. Er ist im Juni 1992 in Norddeutschland geschlüpft und im September halbnackt zu uns nach München gekommen. Bis auf zwei oder drei Kurzurlaube, die er bei Freunden verbrachte, war er 16,5 Jahre, die er mit uns lebte, so gut wie niemals allein. Rambo war auffallend kräftig beieinander und prächtig gefiedert. Sein deutlich verständlicher Wortschatz war begrenzt. Dafür verwendete er ihn sehr gezielt und im klaren Kontext:
In den ersten Jahren hatte er noch mehr Sprüche wie zum Beispiel “Kille, kille, kille” oder das Gackern eins Huhns drauf, die er allerdings wieder verlernte. Dafür konnte er lautstark singen, streiten, lachen, stöhnen, pfeifen und rülpsen:
Rambo war ein gutmütiger Gockel, der gefährlich aggressiv werden konnte. Im Frühjahr bekam er regelmäßig seinen Rappel. Dann hat er aus heiterem Himmel kräftig zugebissen, wenn man seine Körper- und Augensprache ignorierte. Beim Fernsehen konnte er derart besitzergreifend auf uns brüten, dass er nur mit unendlicher Geduld abzuschütteln war.
Es hat Jahre gedauert, bis wir mit seiner zeitweiligen Dominanz ohne Blutvergießen umgehen konnten. Kleinste Signale seiner Augenfarbe sowie verdächtige Feder- und Schnabelstellungen ernst zu nehmen, war die Kunst. Das galt auch beim Kacken. Wenn er wollte, kündigte er seine Haufen durch Nörgeln an, so dass wir ihn rechtzeitig auf seinen Platz schicken konnten. Wenn nicht, platzierte er sie je nach Laune zufällig, gezielt oder hinterlistig an Ort und Stelle. Und das mehr als genug. Denn er war sehr verfressen, weshalb wir ihn ernsthaft auf Diät setzen mussten. Mit genüsslichem Schmatzen ahmte er unappetitliches Nuscheln beim Kauen nach, obwohl er nichts im Schnabel hatte. Gemeiner können nur Hunde betteln.
Seine Bezugsperson war Kathrin. Sie konnte mit ihm machen, was sie wollte. Den Schnabel kürzen, die Krallen feilen, Flügel spreizen, am Bauch krabbeln, auf den Rücken werfen, an den Füßen ziehen, unter Decken vergraben, Kissenburgen bauen, ihn zum Schneeball formen und gegenseitiges Scheinbeißen waren die üblichen Spielchen.
Wir mussten mit ihm nie zum Tierarzt, weil er bis auf einen gelegentlichen Schnupfen kerngesund und sehr robust war. Freier Flug im Haus und Garten, viel Rotlicht nach dem Duschen und ungehinderter Zugang zum Obst und Gemüse in der Küche dürften wesentliche Gründe für seine Vitalität gewesen sein. Um so tragischer und unfassbar ist es, dass er ausgerechnet seinen ersten und einzigen Tierarztbesuch nicht überlebt hat.
