Erinnerungen an Rambo

Diashow in Vorbereitung

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Unser Rambo war eine Blaustirnamazone. Er ist im Juni 1992 in Norddeutschland geschlüpft und im September halbnackt zu uns nach München gekommen. Bis auf zwei oder drei Kurzurlaube, die er bei Freunden verbrachte, war er 16,5 Jahre, die er mit uns lebte, so gut wie niemals allein. Rambo war auffallend kräftig beieinander und prächtig gefiedert. Sein deutlich verständlicher Wortschatz war begrenzt. Dafür verwendete er ihn sehr gezielt und im klaren Kontext:

  • “Hallo” – in allen Tonlagen, von Himmel hoch jauchzend bis zu Tode betrübt, z.B. wenn ein Telefon klingelte
  • “Rambo!” – von kurz angebunden bis imperativ gedehnt, wenn er Aufmerksamkeit verlangte
  • “Hallo Rambo” – von vorsichtig bettelnd bis nervig insistierend, wenn ihm nichts recht zu machen war
  • “Guter, guter Rambo” – mit schnurrender Stimme, wenn er Zuneigung spürte
  • “Griaß Di” – im tiefsten Oberbayrisch, wenn man ihm die Kralle schüttelte
  • “Guten Morgen” – mit rauer Männerstimme, wenn ein Rollo hochging und beim Duschen
  • “Ja!” – im Brustton der Überzeugung, wenn er sich einmischen musste
  • “Hm, lecker!” – mit einem genießerischen Jauchzen, wenn es was zu naschen gab
  • “Kommste mit?” – mit devoter Stimme, wenn es auf die Hand ging
  • “Komm’a her!” – im unmissverständlichen Befehlston, wenn er auf Konfrontation aus war

In den ersten Jahren hatte er noch mehr Sprüche wie zum Beispiel “Kille, kille, kille” oder das Gackern eins Huhns drauf, die er allerdings wieder verlernte. Dafür konnte er lautstark singen, streiten, lachen, stöhnen, pfeifen und rülpsen:

  • Beim Singen reimte er melodischen Kauderwelsch. Am liebsten auf der Brust von Kathrins Mutter, beim Tanzen oder unter der Dusche.
  • Seine streitbaren Diskussionsbeiträge waren minutenlange Stakkatos mit erkennbaren Pointen. Meist sonntags nach dem Duschen unter seinem Rotlicht, während wir frühstückten.
  • Seine Lache war zum Mitlachen menschlich. Meist passend bei Feierlichkeiten oder wenn unterhaltsamer Besuch kam.
  • Beim Stöhnen schwangen Mitleid und Angriffslust mit. Dann färbten sich seine Pupillen rot und es war ernsthaft Vorsicht geboten.
  • Mit aufreißerischen Pfiffen wie von Bauarbeitern hinter Röcken signalisierte er lüsterne Anerkennung und ungeniertes Wohlwollen.
  • Rülpsen konnte er wie ein Halbstarker jederzeit und in den seltsamsten Variationen. Von wem er das hatte, bleibt unser Geheimnis.

Rambo war ein gutmütiger Gockel, der gefährlich aggressiv werden konnte. Im Frühjahr bekam er regelmäßig seinen Rappel. Dann hat er aus heiterem Himmel kräftig zugebissen, wenn man seine Körper- und Augensprache ignorierte. Beim Fernsehen konnte er derart besitzergreifend auf uns brüten, dass er nur mit unendlicher Geduld abzuschütteln war.

Es hat Jahre gedauert, bis wir mit seiner zeitweiligen Dominanz ohne Blutvergießen umgehen konnten. Kleinste Signale seiner Augenfarbe sowie verdächtige Feder- und Schnabelstellungen ernst zu nehmen, war die Kunst. Das galt auch beim Kacken. Wenn er wollte, kündigte er seine Haufen durch Nörgeln an, so dass wir ihn rechtzeitig auf seinen Platz schicken konnten. Wenn nicht, platzierte er sie je nach Laune zufällig, gezielt oder hinterlistig an Ort und Stelle. Und das mehr als genug. Denn er war sehr verfressen, weshalb wir ihn ernsthaft auf Diät setzen mussten. Mit genüsslichem Schmatzen ahmte er unappetitliches Nuscheln beim Kauen nach, obwohl er nichts im Schnabel hatte. Gemeiner können nur Hunde betteln.

Seine Bezugsperson war Kathrin. Sie konnte mit ihm machen, was sie wollte. Den Schnabel kürzen, die Krallen feilen, Flügel spreizen, am Bauch krabbeln, auf den Rücken werfen, an den Füßen ziehen, unter Decken vergraben, Kissenburgen bauen, ihn zum Schneeball formen und gegenseitiges Scheinbeißen waren die üblichen Spielchen.

Wir mussten mit ihm nie zum Tierarzt, weil er bis auf einen gelegentlichen Schnupfen kerngesund und sehr robust war. Freier Flug im Haus und Garten, viel Rotlicht nach dem Duschen und ungehinderter Zugang zum Obst und Gemüse in der Küche dürften wesentliche Gründe für seine Vitalität gewesen sein. Um so tragischer und unfassbar ist es, dass er ausgerechnet seinen ersten und einzigen Tierarztbesuch nicht überlebt hat.

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